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Was ist Highend? Und wenn ja: wozu?

Die Arbeit eines HiFi-Händlers ist spannend - und zugleich schwierig - falls er seinen Beruf ernst nimmt. Eine dieser zugleich spannenden und schwierigen Herausforderungen ist die Zusammenstellung einer richtig guten High-End-Anlage. Vielleicht hängt die Schwierigkeit damit zusammen, dass niemand "High-End" so recht erklären kann. Ist es nun einfach sehr sehr guter Klang? Eine Ansammlung teurer Geräte? Wozu das alles? Hört man nicht mit seinem Smartphone auch gut Musik?

Ich möchte Ihnen einen Trick verraten, der mir schnell und zuverlässig hilft, "ganz ok" von "High-End" zu unterscheiden. Der Trick setzt voraus, dass man akzeptiert: je besser eine HiFi-Anlage, umso anspruchsvoller (komplexer, raffinierter) kann die Musik sein, die man damit genießen und verstehen kann. Der Umkehrschluss ist ebenso richtig: mit einer einfachen Anlage (oder gar einem Smartphone) kann man nur anspruchslosere (einfacher aufgebaute) weniger Musik hören. Weniger Qualität = weniger Musik. Nicht der Menge nach, sondern hinsichtlich der Qualität, der Komplexität.

Ein erfahrener High-Fidelist wird also eine Anlage daran messen, wie gut sie "schwierige" Musik darstellen kann. "Schwierig" meint: komplex, anspruchsvoll. Musik, die zugleich Klangfarben, Raum, tiefe mittlere und hohe Frequenzbereiche benötigt, zudem viel grob-dynamisch wie auch feindynamisch Packendes bietet, emotional anspruchsvoll.

Aha - werden Sie nun vielleicht denken. Und was soll das nun bedeuten? Praktisch?

Nun - sie könnten eine gute Klassik-Aufnahme mit Kammermusik oder großem Orchester, eine Live-Jam-Session oder eine herausragend gute Rock/Pop-Platte auflegen. Aber nun werden Sie fragen: wie merke ich denn nun, ob meine Anlage wirklich gut ist?
Das ist in der Tat schwierig. Die meisten Aufnahmen klingen entweder immer recht gut - oder eben schlecht. Ein Smartphone mit Standrad-Ohrstöpseln mag schriller tönen, eine High-End-Anlage gefälliger, größer, besser. Aber im Grunde hört man halt immer die Musik und hat seine Freude daran. Solange man nicht daheim eine großartige Anlage gekauft hat, sein Gehör über Wochen und Monate geschult hat und hernach sicherlich niemals (nie nie niemals) wieder unterwegs mit Smartphone und Billig-Stöpseln Geräusch in seine Ohren drückt.
Will sagen: das Hören will gelernt sein, Wie aber Hören lernen, wenn man zuvor eine Anlage "anhört" und derart beurteilt, was "man braucht"?

Es ginge einfach: vertrauen Sie einfach Ihrem Händler. Aber wer macht das schon... Wie soll man wissen, ob der Händler zu den wenigen Ausnahmen gehört, die tatsächlich auch selbst gut hören können? Testzeitschriften lesen? Nun - als grobe Orientierung, vor allem hinsichtlich der Optik - mag man diese tun. ansonsten gilt der selbe Vorbehalt wie bei Händlern.

Es gibt da einen Trick...

Nennen wir es "magische Aufnahmen"... Aus irgendeinem Grund (der mit bislang noch verborgen bleib) gibt es Aufnahmen, die auf den allermeisten Anlagen langweilig, schlecht, unbedeutend klingen. Um dann auf einer dieser seltenen echten High-End-Anlagen zum Leben erweckt zu werden. Diese Aufnahmen sind seltsam fragil - bringen Sie die HiFi-Anlage auch nur ein klein Wenig aus ihrem tonalen Gleichgewicht - und die Aufnahme scheint zusammenzubrechen.
Ein bekanntes Beispiel ist die Live-Aufname der Götterdämmerung mit Knappertsbusch aus Bayreuth.

Ein weiteres Beispiel hörte ich neulich: Chopin Mazurkas gespielt von Rubinstein. Diese Aufnahme klingt auf fast allen Anlagen eher nach Badewanne. Man meint fast, die Aufnahme entstamme der Schellack-Ära, der Tontechniker habe sein Handwerk nicht verstanden und er Pianist könne der Musik nichts abgewinnen.
Nun legen Sie diese Schallplatte auf einen richtigen Plattenspieler, hören Sie diese Platte mit einer wirklich gut konzipierten High-End-Anlage. Sie werden zu Tränen gerührt sein! Sie werden von Blitz und Donner getroffen in Ihrem Sessel sitzen und einen Blick ins Universum werfen! Haben Sie jemals vom legendären "Tasten-Anschlag" Rubinsteins gehört? Nein? Holen Sie das schnellsten nach! Auf dieser LP ist das zu hören. Haben Sie jemals Musik erlebt, bei der jeder einzelne Ton so gespielt wird, als wäre es der Letzte? Nein? Hören Sie sich diese LP an!
Das Merkwürdige an dieser Aufnahme: nichts von all ihrer Schönheit ist zu hören, solange die Anlage nicht extrem gut ist und extrem stimmig aus-tariert ist.
Hören Sie beispielsweise das 4 Stück der A-Seite: Mazurka No.15 in C, Op.24 No.2. Keine drei Minuten lang, erleben Sie einen Mikrokosmos aus trauriger Fröhlichkeit, gedankenverlorerer Nachdenklichkeit, ein Nacheinander und Nebeneinander von musikalischen Themen, einzelnen Tönen, die sich hervortun, davon schweben, um dem nächsten federleichten Klang Raum zu schaffen. 2 Minuten und 13 Sekunden Glückseligkeit.

All jene, die Ihre (mehr oder weniger teure) Anlage ohne fachkundige Hilfe aus sogenannten Testsiegern zusammengestöppelt haben, werden diese LP auflegen, nichts Aufregendes hören und mir vorwerfen: ich wolle einfach nur polemisieren, ich wolle halt teures Zeugs verkaufen. Die Wenigen, die eine solch wundervolle High-End-Anlage besitzen, werden diese LP auflegen, genießen und sich fragen, was ich da eigentlich will... es klinge doch halt einfach gut...

Nein - dieser Tipp ist nicht massen-tauglich. Diese LP sollten Sie nicht auf eine "normale" Anlage auflegen. Er ist geradezu schädlich für "normale" HiFi-Interessenten, zeigt er doch die Grenzen von preiswertem Gerät. Und "preiswert" meint hier nicht einen Billig-Verstärker für 200€, sondern jedwede HiFi-Anlage unter 20.000€. Ja - Sie haben richtig gelesen: nichts unter 20.000€ kann die fragile, übernatürliche Schönheit solcher Aufnahmen enthüllen. Schütteln Sie den Kopf, glauben Sie mir nicht, hören Sie weiter mit billigeren Geräten. Ich will Ihnen nichts Böses, und ich gönne Ihnen Ihren Spaß. Selbstverständlich kann man auch mit billigen Anlagen Musik hören. Aber eben nur einfachere Musik.

Aber nun wissen Sie, wozu derart teure Geräte gebaut werden.

So - nun muss ich aber aufhören mit schreiben. Rubinstein wartet...

Übrigens: falls Sie erfahren möchten, wie Rubinstein wirkte, wie er spielte, dann finden Sie auf youtube einige Videos. Beispielsweise Rubinsteins Masterclass am Jerusalem Music Centre. Ich persönlich finde besonders spannend, wie sich ein Musikstück durch minimale Variationen kleinster Details verändert. Rubinsteins Vorstellung von "Noblesse" im Gegensatz zu "Pomp" ist exemplarisch für seinen Klavierstil - ebenso seine Forderung, Musik solle "zu Herz gehen".  Mit diesem Wissen werden Sie anschließend eine Rubinstein-LP anders erleben. Hören muss man - und kann man lernen. HighEnd ist hier "nur" das Werkzeug, das nur für einen erfahrenen, wissenden Hörer Sinn macht.

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