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Technikabend: Lautsprecher im Vergleich

18. März 2016 - Technikabend - Lautsprecher im Vergleich
Der letzte Beitrag liegt bereits einige Monate zurück, und es wird langsam Zeit für Neues. Dabei tut sich bei uns so viel, dass eigentlich seitenweise Material da wäre. Wenn ich nur mehr Zeit hätte...

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Der Technikabend am 18. März 2016 hatte Lautsprecher zum Thema. Es lag wohl an außergewöhnlichen Paarung der Hörvergleiche, dass wir "ausverkauft" waren und einige Besucher keinen Platz fanden.

Preiswert gegen Teuer, Klein gegen Groß, Winzling gegen Riese, Klassisch gegen Rundstrahler, Bassreflex gegen Transmission-Line - größer konnten die Unterschiede nicht sein! Ideale Voraussetzungen, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Die scheinbar merkwürdigen Vergleiche erlauben dem Fachmann ebenso wie einem Laien einen schnellen Hörvergleich, da die Unterschiede recht deutlich zutage treten. Solch ein Hörvergleich ist jedoch ohne ein wenig Hintergrund-Wissen und sinnvolle Musik-Auswahl irreführend. Denn bei kurzem Vergleichshören gewinnt zumeist der heller klingende, knalligere Lautsprecher, der sich aber für längeres Musikhören schlechter eignet. Daher wurden alle Hörvergleiche begleitet durch Erläuterungen zur Technik. Und wir hörten viel Klassik: Kammermusik (Fein-Dynamik, Raum, Klangfarben, Neutralität), Orchester (Grob-Dynamik, Volumen). Auch Rock (Deep Purple - Head Banging Faktor) und Pop (Jamie Cullum) waren zu hören.

(Kleine Anmerkung: Blättert man durch einschlägige Magazine, so meint man, es gelte für HiFi-Technik weder die Physik noch bedürfte es technischen Wissens, um guten Klang zu erzeugen. Nach unserer Erfahrung gilt das Gegenteil. Im Laufe der Jahre haben wir uns daher zur Gewohnheit gemacht, an Technikabenden nicht nur simple A-B-Vergleiche zu machen, sondern technisches Basis-Wissen zu vermitteln. Fast noch wichtiger ist die Auswahl der Musik: nur mit geeigneten Aufnahmen kann man HiFi-Komponenten beurteilen. Die Lieblings-CD hilft hier nicht weiter. Der Fachmann wählt zur Beurteilung von Fein-Dynamik, Klangfarben, Raum-Abbildung und Neutralität idealerweise Aufnahmen mit kleinem Ensemble - Jazz oder Kammermusik - und natürlichen Instrumenten, die ein breites Frequenz-Spektrum überstreichen - z.B. Cello + Bratsche + Geige. Großes Orchester kann zusätzlich für die Beurteilung von Klangfarben und Räumlichkeit dienen. Das Timing kann mit Klavieraufnahmen schnell beurteilt werden. Auch Gesang darf nicht fehlen, um Natürlichkeit, Sprachverständlichkeit und Feindynamik zu prüfen. Fuss-Wipp-Faktor und Head-Banging-Faktor lassen sich mit guten Hard-Rock-Aufnamhen testen. Schwierig zu prüfen ist Tiefbass, da der Raum und seine Resonanzen eine maßgebliche Rolle spielt, daher Vorsicht mit gezupftem Bass, großen Trommeln und Orgel als Test-Musik.
Je besser eine Anlage ist, umso weniger hört man sie!)

technikabend_2016-03-18--850px1Auch an diesem Abend führten wir eigentlich kein bestimmtes Modell X des Herstellers Y vor, sondern wir erläuterten, weshalb ein Lautsprecher X gut klingt. Wir führten vor, wann dieser Lautsprecher gut klingt - und wann er nicht gut klingt. Wir erklärten, in welchem Raum, für welchen Hörer, für welchen Verstärker dieser oder jener Lautsprecher ideal ist. Und wir zeigten auch, wann das nicht der Fall ist. Zwei Stunden reichten sicherlich nicht aus, um die komplette Theorie der Lautsprecher zu erläutern. Aber wir konnten einige der häufigsten Fragen klären. Dabei sollte der Spaß am Musikhören nicht zu kurz kommen!

An diesem Abend lag der technische Schwerpunkt auf der Frage: woher kommt der Bass? Welche Sinn hat Verstärkerleistung? Beginnen wir also mit ein ganz klein wenig Physik.

Stimmt das: Ein tiefer Bass braucht ein großes Boxen-Gehäuse?

Im Prinzip richtig. Große Boxengehäuse erleichtern dem Lautsprecher, tiefe Töne zu spielen. Anders gesagt: große Lautsprecher brauchen meistens keine fetten Verstärker für den Bass. Aber die Kleinen holen auf: dank moderner Bass-Treiber mit langem Hub können auch kleine Lautsprecher recht gut die Bässe wiedergeben, sie brauchen nur mehr Verstärkerleistung. Bedenken Sie zudem: tiefe Töne brauchen auch große Räume. In einem kleinen Zimmer kann auch ein noch so großer Lautsprecher keine tiefen Basstöne produzieren. Es sei denn, er trickst und bietet den tiefen Tönen zusätzlichen Weg in seinem Gehäuse - wie beispielsweise Transmission-Line-Boxen.
Ein weiterer Trick: stellen Sie den Lautsprecher näher an die Rückwand, wird der Bass kräftiger. Stellen Sie die Box zusätzlich nahe an eine seitliche Zimmerwand, und der Bass wird nochmals kräftiger. Je nach Box zuviel oder gerade richtig: probieren Sie aus, was in Ihrem Hörraum für Ihre Box passt.
Übrigens gibt es noch einen Trick: Ihr Gehör mischt den Bass selbsttätig hinzu. Hören geschieht nicht im Ohr, sondern im Kopf. Ihr Gehör weiß, wie Instrumente klingen. Daher kann es einen kleinen Teil des Klanges hinzufügen. Wirklich vorhandener Bass sorgt nicht nur für die tiefen Töne, sondern für realistische Räumlichkeit und stabile Grob-Dynamik. Das nutzen kluge Boxen-Entwickler aus und sorgen dafür, dass kleine Boxen möglichst präzise bis zur tiefsten Frequenz spielen, die aufgrund des Gehäuses möglich ist. Und so schafft es dann manch ein "Böxchen", das nur bis ca. 70Hz spielt, dennoch einen Tiefbass zu erzeugen - bzw. Ihrem Gehör zu ermöglich, den Tiefbass "dazu zu hören".
Ein Sonderfall ist Effektmusik, z.B. Film-Musik oder Club-Musik; hier brauchen Sie eher "Bumms" als Tiefbass - preiswert mit einem Subwoofer zu bekommen. Wer also seine HiFi-Anlage gelegentlich zum Videoabend oder für seine Party benutzt, muss sich keine riesigen Boxen kaufen; hier reicht ein preiswerter Subwoofer aus, der während der Party eingeschaltet wird. Beim "normalen" Musik-Hören würde der Bumms-Effekt stören, da schalten Sie den Subwoofer einfach wieder aus.

technikabend_2016-03-18-2-850pxStimmt das: Kleiner Lautsprecher -- kleiner Verstärker, große Box = großer Verstärker?

Falsch! Das Gegenteil ist richtig: kleine Lautsprecher müssen durch raffinierte Frequenzweichen dazu gebracht werden, tiefe Töne ebenso gut wiederzugeben wie die Höhen. Das schluckt Leistung. Deshalb kombinieren Sie kleine Lautsprecher mit fetten Verstärkern - und umgekehrt brauchen große Boxen keine große Verstärker-Leistung.
Verstärkerleistung wird nicht so sehr für Lautstärke gebraucht, sondern für Bass-Kontrolle. Daher ist die Watt-Zahl eines Verstärkers kaum ein Qualitätskriterium! Bei einem Lautsprecher besagt eine Watt-Zahl noch weniger über die Qualität aus.
Wichtiger ist, dass Verstärker und Lautsprecher zusammen passen! Ein leistungsschwacher Verstärker kann an der richtigen Box (mit hohem Wirkungsgrad) viel besser klingen als ein Verstärker mit viel Leistung.
Daumenregel: ein moderner Verstärker hat eine Ausgangsleistung von 50-100Watt und kann mit gängigen Lautsprechern kombiniert werden, die einen Wirkungsgrad von ungefähr 90dB haben. Je geringer der Wirkungsgrad (die dB-Zahl) ist, umso mehr Leistung braucht der Lautsprecher für eine gewisse Lautstärke. Wenn der Verstärker deutlich weniger Leistung hat (20 Watt und weniger), dann sollte der Wirkungsgrad über 90dB liegen und Sie sollten den Lautsprecher unbedingt mit dem Verstärker probehören. Gleiches gilt für Röhrenverstärker.

Bedenken Sie: die Qualität eines Verstärkers wird nicht durch seine Ausgangsleistung bestimmt! Vielmehr geben Sie bei einem Verstärker Geld dafür aus, dass er die leisen Töne sauber wiedergibt (=Räumlichkeit, Klangfarben, Neutralität, Timing, Pace).
Die Verstärker-Leistung ist eine technische Kennzahl, die in Zusammenhang mit dem Lautsprecher gesehen werden muss - für sich alleine sagt sie nichts aus.

excite_detail7Preiswert gegen Teurer

- Tannoy Mercury 7.1 - Bass-Reflex Kompaktbox (unter 300€)
- Dynaudio Excite X14 - Bass-Reflex Kompaktbox (ca. 1.000€)

Ein unfairer Vergleich? Nicht unbedingt. Die preiswerte Tannoy spielte erstaunlich frei und räumlich, trotz des sehr kleinen Gehäuses mit gutem Bass. Die dreimal teurere Dynaudio konnte feinere Höhen zaubern, auch der Bass war präziser und reichte etwas tiefer hinab. Die preiswerte Tannoy zeigte jedoch eindrucksvoll, wie gut mittlerweile die modernen Lautsprecher auch für kleine Geldbeutel spielen.

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(Einen weiteren Kommentar kann ich mir nicht verkneifen: wir erleben häufig erstaunte Gesichter von Kunden, die sich beim Discounter oder bei Internet-Boxenversendern sogenannte Testsieger gekauft haben. Besitzer solcher Boxen stehen dann beispielsweise vor einer winzigen Tannoy und grübeln, wieso es daheim so viel schlechter klingt. Dabei war die heimische Box doch soooo toll getestet, und der Hersteller verkauft direkt ab Werk, daher müsse ein Preisvorteil doch zu viel besserem Klang führen...
Unsere Erfahrung zeigt, dass niemand etwas verschenkt. Und wir wissen auch: es gibt nur wenige Hersteller, die echte Meisterschaft im Boxenbau erreichen.
Hersteller von mittelmäßigen Boxen müssen im Internet oder direkt verkaufen, da sie beim Hör-Vergleich im Fachhandel chancenlos wären. Diese Hersteller nutzen die Ahnungslosigkeit der Käufer aus und schmücken sich gerne mit guten"Test"-Ergebnissen, die eine völlig überforderte "Fach"-Presse schnell vergibt. Gute Hersteller hingegen suchen sich auch gute Händler, die den Wert und die Qualität vermitteln können. Wer wahrhaft meisterliche Technik beherrscht, muss nicht verramschen.)

Klein gegen Groß

- PMC twenty 22 - Transmission-Line Kompaktbox
- PMC twenty 23 - Transmission-Line Standbox

22-2 pmc-23-2Dieser Vergleich zeigte, wie sich technisch sehr ähnliche Lautsprecher anhören. Beide Boxen bieten den gleichen Hochtöner. Die kompakte twenty22 hat einen etwas größeren Bass-Treiber, jedoch das kleinere Gehäuse. Die Standbox twenty23 hingegen hat einen etwas kleineren Tieftöner. Die Gemeinsamkeiten überwiegen: beide Boxen spielen spaßig, luftig und locker frei. Eine wahre Freude, mit den PMCs zu hören! Toller Bass, tolle Dynamik, sehr neutraler Gesamtcharakter mit enorm guter Räumlichkeit. Die Unterschiede? Die kompakte twenty22 spielte etwas voller im Mittenbereich, die Standbox twenty 23 ging etwas tiefer. Für beide PMCs gilt: Daumen hoch!

Welche Box für wen? Hierzu muss man wissen: PMC baut Transmission-Line-Boxen. Im Gehäuse-Inneren findet sich ein gefalteter Kanal, um die Musik der Innenseite des Tieftöners nach außen zu leiten und ebenfalls zu nutzen. Dadurch steigt der Wirkungsgrad, die Präzision. Ein weiterer Vorteil: der Lautsprecher scheint weiter entfernt zu stehen, denn der Weg der tiefen Töne ist dank des Tansmission-Line-Kanals im Gehäuseinneren länger. So finden auch tiefe Töne in einen kleinen Hörraum. Daher empfehlen wir paradoxerweise bei PMC (bzw. bei Transmission Line Boxen): eher die große Box für kleine Räume, die kleinere Box für jene, die etwas Geld sparen möchten bzw. keinen großen Wert auf Tiefbass legen.

"Normaler" Lautsprecher gegen Rundstrahler

- PMC twenty 23 - Transmission-Line Standbox
- Duevel Venus - Rundstrahler (Omnidirektional)

V15-whiteBeide Lautsprecher sind ungefähr gleich hoch und kosten vergleichbar viel. Damit enden die Gemeinsamkeiten. Die Liste der Unterschied ist deutlich länger. Die PMC twenty 23 ist ein idealytypischer Direktstrahler, der nur gegen erheblich teurere Lautsprecher nachgeben muss. Die Duevel hingegen spielt völlig anders: mit einer luftigen Klangwolke zaubert sie die Musik in den Raum - es ist (fast) gleichgültig wo man sitzt oder steht. Die Musik scheint immer zwischen den beiden Lautsprechern stattzufinden. Die Ortbarkeit ist bei Rundstrahlern naturgemäß etwas schlechter als bei Direktstrahlern. Aber im Gegenzug verliert das Klangbild kaum, wenn man sich aus dem Stereo-Dreieck entfernt. Mithin ist die Duevel ein idealer Lautsprecher für verwinkelte Hörraume, Lofts und Maisonett-Wohnungen. Aber sie ist mehr: ein Genuß-Lautsprecher, der die Musik mehr als andere Lautsprecher in den Raum stellt. Zudem bietet die Duevel eine einzigartige Optik, die für manchen Duevel-Käufer ausschlaggebend ist.

Zwerg gegen Riese

- Raidho X1 - Ultrakompaktbox mit Magentostat-Bänchen
- Marten Django L - Bass-Reflex Standbox

Raidho-X1-2Hier sind die Größenverhältnisse wirklich extrem! Die Raidho X1 in Schuhkarton-Größe, die Marten fast Manns-Hoch! Ein überaus spannender Vergleich!
Die High-End-Box Raidho X1 dürfte einer der modernsten Lautsprecher der Welt sein! Die Technik der verbauten Chassis findet sich ebenso in Raidho-Boxen wieder, die einige Hundertausend Euro kosten - und ihren Preis Wert sind! Entsprechend spielt die kleine Raidho X1: die Räumlichkeit ist besser als live, Dynamik, Präzision, Lebendigkeit und Spielfreude erreichen ein kaum zu überbietendes Niveau. Hier konnte auch der Verstärker und sein DSD-Wandler endlich einmal zeigen, was sie können. Erst mit Live-Rock (Deep Purple) zeigte die X1 ihre Grenzen: der Bass muss sich ab einer gewissen Lautstärke der Physik beugen. Selbst Raidho kann nicht gegen Naturgesetze verstoßen, obwohl man häufig den Eindruck hat.

django_l_1Die Marten Django L wirkt dagegen wie ein Riese! Keramik-Hochtöner und zwei Tieftöner sind nicht von schlechten Eltern. Die Marten zuckt auch bei Deep Purple nicht mit der Wimper: da geht die Post ab, da ist die Marten in ihrem Element! Was nicht heißen soll, dass mit der Django nicht auch Feingeistiges zu einer audiohilen Freude wird. Die Marten erreicht nicht die Weltklasse der Raidho, aber dafür hat sie andere Stärken. Kurz gesagt: die Raidho X1 ist der beste, tollste und wunderbarste Lautsprecher der Welt, solange er nicht zu laut spielen muss und solange der Hörraum nicht zu groß wird. Die Marten hingegen ist ein Traum, wenn sie in großen Räumen spielt und die Musik auch mal etwas lauter werden darf.

Fazit: Was dem einen sin Uul, ist dem andern sin Nachtigall.

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