☎ Beratung 030 797 418 35

Technikabend: Tonabnehmer im Vergleich

technikabend-2015-07-24-224. Juli 2015 - Ein warmer Sommerabend in Berlin, Ferienzeit. Da sollte man erwarten, dass die Menschen lieber im Biergarten sitzen als bei PhonoPhono. Wir hatten uns bereits vorgenommen: wenn nur ein oder zwei Besucher kommen, trinken wir gemeinsam ein Glas und machen Feierabend. Aber da hatten wir uns geirrt! Unser Studio war überfüllt, wir hatten nicht genügend Sitzplätze! Erstaunlich - und erfreulich, denn unsere Technikabende locken immer mehr Menschen an. Schade, dass wir Tonabnehmer nicht im Biergarten vergleichen können.... Wir hatten dennoch unseren Spaß! Lesen Sie selbst...Tonabnehmer gelten als Mysterium. Dabei ist ein Tonabnehmer im Grunde ganz einfach aufgebaut: in einem kleinen Gehäuse befindet sich präzise Fein-Mechanik. Kaum zu gaulben, dass diese kleinen Teile so teuer sein können. Und noch verwunderlicher, dass der Klang von diesem Teil so beeinflusst werden kann.

technikabend-2015-07-24-1An diesem Technikabend wurden eine ganze Reihe von Tonabnehmer zwischen 20€ und 3.000€ gespielt, um zu ergründen, wie die Preisunterschiede sich in Klangqualität umsetzen.

Die Tonabnehmer waren in Headshell eingebaut und wurden größtenteils in einen modernen Plattenspieler eingesetzt, einen  Transrotor Fat Bob S. Der Fat Bob war mit einem TR800S-Tonamr ausgerüstet, welcher dank SME-Befestigung den schnellen Tausch des Tonabnehmer und Headshells ermöglicht. Zusätzlich wurde ein älterer Plattenspieler benutzt (ein Sony Direktantrieb aus den 1980er), um zu zeigen, wie unterschiedlich der selbe Tonabnehmer klingen kann, je nach Plattenspieler.

Das teuerste System, ein Clearaudio Stradivari, war in einen Brinkmann Bardo eingebaut. Ein derart hochwertiger Abtaster muss sorgfältiger justiert werden, als es in einem solchen Hörvergleich möglich wäre. Daher blieb das Stradivari im Brinkmann eingebaut.

Abhör-Anlage: Lautsprecher Raidho X3 (Paarpreis ca. 25.000€), Vollverstärker Audiomat Aria (ca. 5.000€), MM-Phonostufe Graham Slee Era Gold, MC-Phonostufe Nagra BPS.

Bevor ich den Verlauf des Abends kurz schildere, sei kurz erläutert, welche Gedanken zu der Auswahl von Abhör-Anlage und Tonabnehmern führte.
Die Anlage Raidho X3 mit Audiomat Aria gehört zu den wohl schönsten Kombinationen, die derzeit zu hören sind. Diese High-End-Audioanlage ermöglicht es, Musik in jeder Hinsicht fein darzustellen und auch technische Unzulänglichkeiten schnell zu hören. Eine solche Anlage eignet sich daher gut, um auch unerfahrenen Hörern einen Vergleich zu ermöglichen. Ein echter Genuss stellt sich bei HiFi-Anlagen jedoch immer nur dann ein, wenn die Qualität aller Komponenten zueinander passt. Je mehr Anlagen ich hören, um so wichtiger erscheint mir diese wichtige Regel! So wird ein Plattenspieler wie der alte Sony dieses Abends in einer ebenso alten Anlage eine gute Figur machen, in einer High-End-Anlage jedoch eher enttäuschen. Ein Transrotor Fat Bob S fühlt isch am wohlsten in einer Kette aus 3.000€-Verstärker und Boxen um die 5.000€. In der Anlage dieses Abends hat auch der FatBob seine Probleme, die jedoch nicht gar so schnell hörbar werden wie jene des alten Sony. Echter Genuss ist in einer High-End-Anlage nur mit einem Laufwerk vom Kaliber des Brinkmann zu erwarten.

Anders formuliert: für einen Test eignet sich die Anlage vorzüglich, für genussvolles Musikhören ist einzig mit dem Brinkmann zu denken.

Test-Kandidaten: Folgende Tonabnehmer wurden gespielt:

- Ortofon OMB10 (MM - ca. 50€)
- Ortofon 2M RED (MM - ca. 100€)
- Ortofon 2M BLUE (MM - ca. 200€)
- Clearaudio Performer V2 (MM - ca. 400€)
- Denon DL103 (MC - ca. 300€))
- Ortofon Quintet RED (MC - ca. 300€)
- Ortofon Quintet BLACK (MC - ca. 800€)
- Clearaudio Stradivari (MC - ca.3.000€)

Zum "Warmhören" wurden zwei schöne Musikstücke mit dem Ortofon 2M Blue gespielt. Und dann ging es los. Erst Ortofon 2M Blue, dann Ortofon OMB10. Klar hörbar: das 2M Blue löste besser auf, klang frischer und lebendiger. Sodann ein Vergleich zwischen Ortofon 2M Blue und Orfoton 2M Red - das rote 2M-System klang nicht so räumlich und offen. Leider versagte das Headshell mit dem 2M dann in einem Kanal seinen Dienst. Wir führten daher den Hörvergleich mit den übrigen Kandidaten durch.

Das Clearaudio Performer V2 führte uns weiter in der Qualitäts-Skala nach oben: nun kamen Klangfarben und drei-dimensionale Räumlichkeit zum Vorschein, ohne dass Lebendigkeit und Spielfreude verblassten.

Zwischendurch haben wir dann auch den alten Sony gespielt, erst mit dem preiswerten Ortofon OMB10, dann mit dem Clearaudio Performer. Dem Sony war das Alter durchaus anzuhören: die Musik klang matter, viel kompakter und weniger räumlich. Auch der Hochtonbereich litt hörbar. Aber insgesamt klang auch hier die Schallplatte nicht so richtig schlecht. Durch die Hörerfahrung im Lauf dieses Abends konnten sich die Besucher aber bereits ein klares Urteil bilden: der Fat Bob S klang viel besser.

Nun kam ein kleines "Zwischenspiel": ein weiterer Tonabnehmer  wurde in den Fat Bob eingebaut, ohne dass ich Namen oder Wert des Systems bekanntgab. Es folgte ein kleines Ratespiel: wieviel Euro hören wir? Was würden die Zuhörer für das unbekannte System ausgeben? Es wurden Zahlen in einem weiten Bereich genannt - bis über 1.000 Euro! Ich gestehe: dieses Spiel hatte ich bereits in einer früheren Veranstaltung gemacht. Daher war ich auf das Ergebnis vorbereitet. Das System klingt nämlich verwirrend: es spielt im mittleren Frequenzbereich sehr betont, die Tiefen sind recht gut, der Hochtonbereich jedoch ausgesprochen unsauber. Zudem fehlt jede Räumlichkeit. Wenn ich ein solches System mti Musik vorspiele, die vornehmlich im Mittenbereich Aufmerksamkeit braucht, dann schneidet solch ein Tonabnehmer erstaunlich gut ab. Ich spielte ein Stück von Sofie Hunger (eine tolle schweizer Sängerin mit leicht jazzigem Repertoire) - und siehe da: das System konnte durchaus überzeugen. Dann spielte ich ein wenig Klassik - und es klang schaurig. So konnte man selbst erleben, warum man einen Hörtest mit Musik machen muss, die eine große Bandbreite an akustischen Aspekten abdeckt. (Anmerkung: hier kann man auch schön sehen, wie leicht ein Vorführer zu einem Verführer wird... Wenn man selber kein Fachmann ist, sollte man daher nur zum Teil seinem eigenen Gehör trauen - und sich mit einem anerkannten Fachmann beraten!)
Übrigens: das Wer-bin-ich-System war ein 40 Jahre altes Technics MM-System mit einer Nachbau-Ersatznadel im Wert von ca. 20 Euro.

Nach dieser kleinen "Show"-Einlage ging es mit MC-Systemen weiter. Wir verglichen die beiden Ortofon Quintet System miteinander: das preiswerteste Ortofon Quintet Red mit dem aus dieser Serie teuersten Ortofon Quintet Black. Das preiswerte rote Quintet spielte recht gut, aber das teurere Quintet Black klang in jeder Hinsicht viel besser! Das qualitative Abstand beider Tonabnehmer war erstaunlich groß, obwohl die Systeme technisch recht ähnlich sind.

Und dann überraschte ich die Besucher mit einem weiteren Rate-System! Mißtrauisch geworden durch das "Quiz" mit dem ur-alten Technics-System, waren die Zuhörer nun vorsichtiger. Ich spielte zwei Musik-Stücke sowohl mit dem Quintet Black, dann mit dem Rate-System. (Hinzugefügt sei, dass ich den Besuchern meine "Tricks" bereits im vorherigen Tonabnehmer-Quiz verraten hatte - und zudem spielte ich nun Musik, die sich viel besser zum Qualitäts-Vergleich eignete. Ich finde, die Technikabende sollten neben reiner Technik auch das Wissen darum vermitteln, was Qualität ist - und wie man sie selber erfahren kann!)
Man einigte sich schnell: das Rate-System klang besser. Und tatsächlich: es handelte sich um ein Clearaudio Talismann V2 Gold, das weitere 400 teurer war als das Ortofon Quintet Black. Ich sah in einigen Gesichtern Überraschung, dass sich die Klang-Quailtät nochmals verbesserte, klang doch das Ortofon Quintet Black bereits sehr sehr gut. Das Clearaudio Talisman jedoch brachte Körper, Klangfarben, einen Hauch Wärme und weitere Räumlichkeit mit - die Musik schien körperhafter und lebens-echter zu werden.

Nächste Runde: nun begutachteten wir das Denon DL103 - ein Veteran und Objekt der Begierde vieler Vinyl-Hörer mit Schwerpunkt bei Schallplatten aus den 1960er Jahren. Auch in einschlägigen Internet-Foren wird das Denon DL103 gerne als Referenz bemüht. Eine moderne Aufnahme klang mit dem Denon jedoch eher flach. Dynamik und Rhythmik passten, aber weder Räumlichkeit noch Hochton-Auflösung konnten überzeugen.

Und dann war da der Brinkmann mit dem teuren Clearaudio Stradivari...

technikabend-2015-07-24-3Diese Kombination dürfte wohl die größte Überraschung gewesen sein - aber nur für jene, die das Gerät noch nie gehört hatten. Der Brinkmann klang nicht einfach nur ein bisschen besser. Der Brinkmann schien völlig andere LPs abzuspielen! Mit dem Transrotor klang die Musik ausgezeichnet, aber es blieb "nur" erstklassiges HiFi. Mit dem Brinkmann hingegen war alles anders: die Musiker standen im Raum, die Musik schwebte, hatte Luft und Leichtigkeit. High-End eben...
(Anmerkung: die meisten Besucher meinen, solch ein teurer Plattenspieler sei nur etwas für Spinner, Musiker oder Profis. Die Realität an solchen Hör-Abenden sieht aber immer anders aus: obwohl die Besucher bunt gemischt sind und darunter auch viele Hör-Laien sitzen, ist man sich bei Geräten wie dem Brinkmann einig: den Unterschied hört sogar jemand mit Hörgerät...)

Ich hatte noch eine Überraschung parat: eine uralte Live-Aufnahme aus Bayreuth: Wagner - Parsival mit Knappertsbusch von 1962, leicht verkratzt vom Flohmarkt erstanden. Diese Schallplatte sollte nach allem, was im Netz an "Experten"-"Wissen" kursiert, mit dem Denon DL103 besonders gut klingen und mit einem modernen Clearaudio ungenießbar sein. Denn angeblich soll eine authentische Widergabe nur möglich sein, wenn der Abtaster aus der gleichen Ära stammt wie die Schallplatte. Was logisch klingt, muss aber noch lange nicht richtig sein.... Und die Wirklichkeit hörte sich völlig anders an: das Denon DL103 macht aus der Decca-Aufnahme einen muffigen, in den Höhen leicht verzerrten Klang. Stimmen war kaum verständlich, die Streicher klangen nach einer Schellack-Aufnahme, und das Knistern störte deutlich. Eine solche Aufnahme dürfte nur für echte Hardcore-Wagnerianer erträglich sein... Doch der Brinkmann konnte zaubern! Die identische Schallplatte klang mit dem Clearaudio Stradivari auf dem Brinkmann nach einer völlig anderen Galaxie! Der Klang explodiert förmlich: die Bühne Bayreuths breitete sich vor den Ohren aus, jedes Detail war zu hören, die Stimmen - auch des Chores (!) klar und deutlich. Aus einer muffigen Hör-Quälerei war dank des Brinkmann-Clearaudio-Gespannes ein audiophiles Erlebnis geworden.

Fazit:
(1) teure Tonabnehmer klingen besser als billige
(2) High-End macht viel viel Spaß!
(3) alte Schallplatten klingen extrem gut - vor allem mit modernen Tonabnehmern
(4) an lauen Sommerabenden ist es im Biergarten noch schöner als vor einer tollen HiFi-Anlage

Hinterlasse eine Antwort