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Analog und Digital

Platten hören ist wieder in! Die Auflagen neu gepresster Vinylscheiben steigen stetig an - und fast jede Woche eröffnet ein neuer Plattenladen.

Wie kann das sein? War nicht eben noch das neues Handy der letzte Schrei, alles Digitale hip? Und jetzt die altmodische Schallplatte?

Für viele Vinyl-Junkies ist alles ganz einfach: die beste Musik gibt es auf Schallplatte, der Klang ist super, die Technik einfach und robust und die Platten billig zu kriegen. Logisch, dass man Platte hört.

Oder doch nicht?

Lassen Sie uns zunächst den Aspekt der Klang-Qualität beiseite legen. Hierzu nur soviel: eine gute Schallplatte und eine gute Digital-Aufnahme können beide exzellent klingen. Der technische und finanzielle Aufwand liegt bei Wiedergabe digital gespeicherter Musik deutlich höher und mag ein Nachteil von Digital-Audio sein, aber grundsätzlich steht einer hoch-qualitativen Wiedergabe von digital aufgenommener Musik nichts im Wege.

Sieht man den Menschen als rein rational agierendes Wesen, dessen Handlungen vornehmlich der Einsparung von Aufwand bzw. Energie und der Erlangung des eigenen Vorteils folgen, dann dürfte es die Schallplatte längst nicht mehr geben.

Warum also Schallplatte?

(1) Authentizität: es gibt sehr viel Musik auf Platte. Die ersten Aufnahmen auf Schellack kamen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Umlauf, der Höhepunkt dürfte in den Jahren zwischen 1950 bis 1970 sein. In dieser Zeitspanne lebten die berühmtesten Jazz- und Klassik-Musiker der Menschheit und spielten ihre Musik auf Schallplatte ein. Mehr noch: der Jazz ebenso wie viele Rock- und Pop-Stilrichtungen wurden in der Schallplatten-Ära erfunden und perfektioniert.
Die Aufnahmen sind auch heute noch so lebendig und mitreißend wie damals.  Schallplatten haben den Sound erstaunlich gut konserviert und machen diese Musik lebendig, sind authentisch. Schallplatten sind das Original.
Natürlich kann man Musik aus der Analog-Zeit digital überspielen. Der Kenner jedoch rümpft die Nase: das ist ungefähr so, als ob man anstatt eines Original-Gemäldes eine Kopie in einer Zeitschrift betrachtet.

(2) Cover-Art: eine Schallplatte ist mehr als nur die in der Rille gespeicherte Musik. Das Cover hat viele Künstler zu spannender Gestaltung inspiriert. Auch die Innenhülle, gelegentlich sogar Beilagen und Innen-Seiten wurden liebevoll gestaltet. Neben dem Spaß, die "Verpackung" einer Schallplatte zu betrachten, genießen zahlreiche Schallplatten mittlerweile Sammler-Status und erreichen hohe Preise.

(3) was zum Anfassen: der Gebrauch einer Schallplatte ist mit Stofflichem verbunden: man kann eine Schallplatte anfassen, die Nadel aufsetzen, muss sie nach einigen Hör-Minuten umdrehen, vielleicht von Staub säubern und dann wieder wegräumen. Im Gegensatz zu digital gespeicherter Musik, die bestenfalls auf einem Speicherchip gedanklich vorstellbar ist, oder sofern online gestreamt - nicht einmal mehr das.

(4) Sammelwut: der Besitz von Musik in Vinylform ist für den Menschen erfassbar, verständlich. Kaum verwunderlich, dass Vinyl-Hörer sich an Ihrer Sammlung erfreuen, selbst Sammler sind. Der archaische Instinkt (Sammler & Jäger) wird unmittelbar befriedigt.
Mit virtuellen Daten ist die Befriedigung dieses Bedürfnisses ungleich schwieriger, wenn überhaupt möglich. Und CD-Sammler sind bislang rar - aber wer weiß...

(5) die hohe Kunst der Hingabe: Musik ist vielfach mit herausragenden Musikern verknüpft. Der Großteil aller Rock, Pop und Jazz-Musik wurde von einzelnen Musikern geprägt und lässt sich nicht von anderen reproduzieren. Zahlreiche klassische Musikstücke wurden im letzten Jahrhundert auf eine Weise interpretiert, die nicht nachgeahmt werden kann. Ganze Repertoire-Bereiche (z.B. Opern, Operetten) lebten von Musiker-Persönlichkeiten, die sich ganz der Musik hingaben.
Wer sich solcher Musik hingeben möchte, muss zwangsläufig Aufnahmen aus der jeweiligen Zeit hören. Die Schallplatte hat die damalige Zeit authentisch eingefangen und ist daher das naheliegende Medium für Menschen, die diese Musik heute hören möchten.

(6) Genie und Wahnsinn: Musik-Aufnahmen aus dem letzten Jahrhundert übertrumpften sich in Erfindungsgeist, raffiniertem Arrangement und Musikalität. Zugleich war die Aufnahme- und Schallplattentechnik weit genug entwickelt, um die künstlerische Komplexität zu konservieren und für die Nachwelt aufzubewahren. Hierbei befruchteten sich Künstler und technischer Fortschritt gegenseitig: man wuchs über sich hinaus, hatte Ideale, es ging um das Best-Mögliche!
Im Gegensatz dazu wird heute der Großteil der Musik so produziert, dass mit einem Minimum an Aufwand ein gerade noch akzeptables Ergebnis erreicht wird. Ziel ist nicht ein künstlerisches Ereignis, sondern ein kosten-optimiertes Wirtschaftsgut.
Kaum verwunderlich, dass anspruchsvolle Künstler (wieder) auf Schallplatte aufnehmen - und Musik-Interessierte sich wieder der Schallplatte zuwenden.

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